An(ge)dacht: Dem Leben recht geben

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag oder auch Totensonntag genannt, gedenken Christinnen und Christen ihrer Verstorbenen. Auch am Ende dieses Jahres ist die Liste unserer Toten lang. Wir trauern weltweit und persönlich betroffen. Und wir denken auch an die vielen Opfer: Ertrunkene Flüchtlinge, Getötete der Kriege und Terroranschläge, Verhungerte in den Dürregebieten, von Hochwasserfluten weggerissene Menschen, sowie die Gestorbenen der Pandemie. Die schrecklichen Bilder zu sehen und das Denken daran kann uns verzagt und mutlos machen.

Die letzten Wochen vor dem 1. Advent sind von Melancholie geprägt. Der Herbst ist eine wunderbare Zeit der Ernte des Gesäten und Gepflanzten. Er ist aber auch die Zeit des Abschiednehmens: von den hellen und sonnigen Tagen, vom sprudelnden Leben in der Natur, die uns umgibt. Sinnfällig wird das im Fallen der Blätter, den kürzer werdenden Tagen bis zum Sonnenuntergang, dem Wegziehen der Vögel in wärmere Gefilde usw.

Dennoch sehen wir, dass auf unserer Erde, der Schöpfung Gottes, bei allem Sterben und Vergehen das Leben die Oberhand behält. Jeder umgefallene Baum ist erneut Lebensgrundlage für kleine Lebewesen und Pflanzen. Jedes Samenkorn, das in die Erde gelegt wird, trägt den Keim neuen Lebens in sich, jedes Neugeborene ist ein Zeichen der Hoffnung für die Zukunft.

Im Lied von Paul Gerhardt „Ist Gott für mich so trete gleich alles wider mich“ heißt sein Bekenntnis von Gott:

"Nun weiß und glaub ich feste, ich rühm’s auch ohne Scheu, dass Gott, der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei und dass in allen Fällen er mir zur Seite steh… Und von seinem Geist: Sein Geist wohnt mir im Herzen, regiert mir meinen Sinn, vertreibet Sorg‘ und Schmerzen, nimmt allen Kummer hin; gibt Segen und Gedeihen dem, was er in mir schafft…"

Und von Jesus: "Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesu Christ; dass was mich singen machet, ist, was im Himmel ist."

Wenn ich dieses Lied singe, kehren Hoffnung, Mut und Zuversicht in mein Leben zurück, trotz aller Dunkelheit, die uns umgibt.

Und es wird dunkler, das müssen wir leider feststellen. Die Gewalt eskaliert, der Hass macht sich überall breit, auch in den sozialen Medien. Wenn Gewalt und Bosheit allzu zudringlich werden, neigen wir dazu, uns abzuschotten, uns in unserer eigenen privaten Welt zu verschanzen und zu hoffen, dass das alles vorübergeht. Der schwedische Pastor und Schriftsteller Tomas Sjödin sagt dazu: „Diese Haltung harkt die Manege für die Bösen“. Und er schreibt weiter: „Natürlich gibt es kein Wundermittel, das die Welt über Nacht zum Guten verwandelt. Aber eine Möglichkeit bleibt, und gegen die kann niemand etwas unternehmen: die ‚Ameisenschritt-Revolution‘, bei der sich Menschen ganz langsam, aber unbeirrbar in Richtung jener Welt bewegen, von der sie träumen. Auch wenn sich auf den ersten Blick nichts zu verändern scheint, so verändern wir uns selbst mit jedem Schritt“.

Und wir hören diese Schritte von vielen Menschen, die auf diesem Weg mit uns unterwegs sind. Von Menschen, die ihr Haus für Bedürftige und Notleidende öffnen. Menschen, die von ihrem Geld abgeben, die ihre Zeit mit andern teilen oder auf der letzten Wegstrecke des Lebens begleiten. Menschen, die mit anderen singen und beten, gute Geschichten weitererzählen statt der Geschichten, die uns niederdrücken.

In diesem Licht können wir der Aufforderung gern folgen, mit der Paulus die Thessalonicher ermuntert: „Der Herr richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und das Warten auf Christus“.

Manfred Krause