An(Ge)dacht
Das Buch Amos hält eine bemerkenswerte Spannung aus:
Auf der einen Seite steht eine tödliche Diagnose. Gleich zu Beginn von Kapitel 5 heißt es, das Volk Israel sei gefallen und werde nicht wieder aufstehen (Am 5,1–3). Die Worte sind hart, endgültig, fast ohne Auswegperspektive. Auf der anderen Seite aber ruft dieselbe prophetische Stimme leidenschaftlich: „Suchet das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt“ (Am 5,14). Zwischen Gericht und Hoffnung bleibt also ein Raum offen – ein Raum, in dem Veränderung möglich ist.
Mitten in dieser Spannung steht der Monatsspruch aus Amos 5,24: „Möge das Recht heranrollen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.“ Dieser Vers wirkt auf den ersten Blick sperrig in seinem düsteren Umfeld. Und doch ist er das positive Gegenstück zu den Klagen der prophetischen Stimme, die anprangert, dass Recht in Wermut verkehrt und Gerechtigkeit zu Boden geworfen wurde (Am 5,7). Wo alles nach Untergang aussieht, wird der Gerechtigkeit immer noch eine Chance gegeben – eine große sogar.
Recht wie Wasser – das ist kein gelegentlicher Tropfen, sondern eine unaufhaltsame Bewegung. Besonders plastisch zu verstehen für Menschen, die in einem Land großer Wasserknappheit leben – oder in Zeiten knapper wirtschaftlicher Ressourcen, so wie wir sie heute stark empfinden. Gerechtigkeit = Wasser = Leben!
Gerade darin liegt die Hoffnung dieses Textes. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, steigender Preise und angekündigter Reformen des Sozialstaates wirkt Gerechtigkeit schnell wie ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gerechtigkeit ist die Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben. Ohne sie verlieren Menschen Vertrauen, Halt und Perspektive. Das Buch Amos erinnert daran, dass Gerechtigkeit kein Nebenprodukt guter Zeiten ist, sondern die Bedingung dafür, dass eine Gesellschaft stabil bleibt. Wir sind gefragt, diesen Gedanken ernst zu nehmen und unseren Beitrag dazu zu leisten, dass der Strom der Gerechtigkeit nicht versiegt.
Prof. Dr. Dirk Sager
(Theologische Hochschule Elstal)